Coyote
18.04.2005, 06:15
Vermutlich weiss keiner hier, was "Colossus" ist. Es ist ein Softwareprogramm, das Versicherungen benutzen um zu berechnen, welchen Schadenersatz Opfer von Verkehrsunfaellen bekommen sollen.
Heutzutage wird die ueberwiegende Mehrheit der Schadensregulierungen bei kleineren bis mittleren Verletzungen durch Verkehrsunfaelle durch ein Computerprogramm durchgefuehrt, das im Prinzip so funktioniert:
Joe Unlucky hatte Pech, Ima Racer raste mit seiner aufgemotzten corvette ueber die Strasse und uebersah voellig, dass Joe dort mit seinem Oekosmart herumzuckelte. Joe erlitt mittlere Verletzungen, hauptsaechlich Schuerfwunden, Platzwunden, Prellungen. Joe macht nun Schadenersatzanspruch geltend bei Ima's Versicherung.
Die fuettert den Computer nun mit den Daten, die sie vom Unfallbericht bekommt. Der Computer vergleicht dann diese Daten mit Millionen anderen um herauszufinden, was Joe denn nun als Schadenersatz bekommen soll. Dabei werden einige Besonderheiten des amerikanischen Schadenersatzrechts offenbar und damit komme ich auch zu dem Grund, warum ich das hier im nursing forum poste.
Wenn ein Schaden nach dem Schema: Joe hat ein gebrochenes Bein, das kostet $ 150,000 Arzt- und Krankenhauskosten und $ 20,000 Verdienstausfall zu berechnen waere, waere das alles sehr einfach. Das ist aber nicht so. Erstens wird in den USA auch dem "pain and suffering" ein Geldbetrag zugerechnet, zweitens zahlen die Versicherungen gerne aber nur das, was sie auch anderen Leuten zahlen, und zwar moeglichst wenig. Beispiel:
Joe hat nun ein gebrochenes Bein. In der Regel wird dafuer $ 10,000 Schmerzensgeld (pain and suffering) bezahlt. Ausserdem kostet die Behandlung im Durchschnitt in New Jersey, wo Joe lebt, $ 78,000. Joe verdient in den 8 Wochen, in denen er arbeitsunfaehig ist, $ 4,500. Dann zahlt die Versicherung $ 92,500. Joe hat allerdings $ 150,000 verlangt, denn er liess sich nur vom Prominentenarzt Dr. Quack Salber behandeln, der dafuer aber $ 120,000 verlangte. Ausserdem findet Joe, dass sein pain and suffering $ 25,500 Wert ist. Die Versicherung hat aber die oben genannten Daten von Colossus erfahren und Joe hat Pech. Er kriegt nur die $ 92,500. Will er mehr, muss er klagen. (Colossus weiss sich allerdings auch dabei zu helfen: Es vergleicht sogar die Anwaelte. Hat Joe einen Anwalt, der regelmaessig Prozesse gewinnt, was die in Colossus gesammelten Daten wissen, dann bietet die Versicherung eher einen Vergleich an, als wenn Joe einen Loser beauftragt hat, der jeden Prozess verliert.)
Nun zu den nurses. Eine der Besonderheiten des Computerprogramms ist, dass es nur Daten von "Unbeteiligten" aufnimmt. Angaben des Opfers oder seines Anwalts werden als "voreingenommen und unglaubwuerdig" grundsaetzlich nicht verwertet. Nehmen wir jetzt diesen Fall an:
Joe wird in die Notaufnahme eingeliefert. Nach dem Roentgen wird festgestellt, dass er keine Frakturen hat. Der Arzt oder die nurse dokumentieren: einige Hautabschuerfungen, eine Kopfplatzwunde, geklammert, Patient ansonsten wohlauf."
Joe dagegen schreibt spaeter in seinem Unfallformular: zwei blutende Wunden am linken Bein, zwei sehr schmerzhafte Abschuerfungen am Ruecken, schwere Kopfschmerzen, die noch 8 Stunden nach dem Unfall anhielten, Kopfplatzwunde die geklammert wurde.
Die Versicherung (Colossus) wird Joe's Bericht voellig unbeachtet lassen. Mit der Formulierung "einige" Hautabschuerfungen kann der Computer nichts anfangen, er macht das automatisch zu "einer geringen" Hautabschuerfung. Da der Krankenhausbericht keine Schmerzen protokolliert, hat Joe auch keine gehabt. Basta.
Joe bekommt von der Versicherung $ 2,000 angeboten.
Haette der Krankenhausbericht dagegen genau so ausgesehen wie Joe's Bericht, haette Colossus $ 6,000 angeboten. Jede der aufgefuehrten Schuerfwunden waere als ein Faktor gezaehlt worden, dazu die langen Kopfschmerzen.
Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass Pflegepersonal und Aerzte sich bemuehen, moegichst ausfuehrlich die Verletzungen und die Schmerzzustaende des Patienten minutioes zu dokumentieren. Denn nur der Krankenhausbericht zaehlt.
Das Pflegepersonal erleichtert sich dadurch auch selbst die Arbeit, denn in meinem geschilderten Fall wuerde ich als Joe's Anwalt nun Klage erheben und das Pflegepersonal und den Arzt als Zeugen vor Gericht vorladen, um mehr als die angebotenen $ 2,000 herauszuholen. Das kann bedeuten, dass das betroffene Pflegepersonal zwei oder mehr Tage vor Gericht verbringen muss.
Mehr dazu hier in dem Bericht von Christine Cobb: Compensation by Computer
http://www.atla.org/publications/trial/0504/contents.aspx
Heutzutage wird die ueberwiegende Mehrheit der Schadensregulierungen bei kleineren bis mittleren Verletzungen durch Verkehrsunfaelle durch ein Computerprogramm durchgefuehrt, das im Prinzip so funktioniert:
Joe Unlucky hatte Pech, Ima Racer raste mit seiner aufgemotzten corvette ueber die Strasse und uebersah voellig, dass Joe dort mit seinem Oekosmart herumzuckelte. Joe erlitt mittlere Verletzungen, hauptsaechlich Schuerfwunden, Platzwunden, Prellungen. Joe macht nun Schadenersatzanspruch geltend bei Ima's Versicherung.
Die fuettert den Computer nun mit den Daten, die sie vom Unfallbericht bekommt. Der Computer vergleicht dann diese Daten mit Millionen anderen um herauszufinden, was Joe denn nun als Schadenersatz bekommen soll. Dabei werden einige Besonderheiten des amerikanischen Schadenersatzrechts offenbar und damit komme ich auch zu dem Grund, warum ich das hier im nursing forum poste.
Wenn ein Schaden nach dem Schema: Joe hat ein gebrochenes Bein, das kostet $ 150,000 Arzt- und Krankenhauskosten und $ 20,000 Verdienstausfall zu berechnen waere, waere das alles sehr einfach. Das ist aber nicht so. Erstens wird in den USA auch dem "pain and suffering" ein Geldbetrag zugerechnet, zweitens zahlen die Versicherungen gerne aber nur das, was sie auch anderen Leuten zahlen, und zwar moeglichst wenig. Beispiel:
Joe hat nun ein gebrochenes Bein. In der Regel wird dafuer $ 10,000 Schmerzensgeld (pain and suffering) bezahlt. Ausserdem kostet die Behandlung im Durchschnitt in New Jersey, wo Joe lebt, $ 78,000. Joe verdient in den 8 Wochen, in denen er arbeitsunfaehig ist, $ 4,500. Dann zahlt die Versicherung $ 92,500. Joe hat allerdings $ 150,000 verlangt, denn er liess sich nur vom Prominentenarzt Dr. Quack Salber behandeln, der dafuer aber $ 120,000 verlangte. Ausserdem findet Joe, dass sein pain and suffering $ 25,500 Wert ist. Die Versicherung hat aber die oben genannten Daten von Colossus erfahren und Joe hat Pech. Er kriegt nur die $ 92,500. Will er mehr, muss er klagen. (Colossus weiss sich allerdings auch dabei zu helfen: Es vergleicht sogar die Anwaelte. Hat Joe einen Anwalt, der regelmaessig Prozesse gewinnt, was die in Colossus gesammelten Daten wissen, dann bietet die Versicherung eher einen Vergleich an, als wenn Joe einen Loser beauftragt hat, der jeden Prozess verliert.)
Nun zu den nurses. Eine der Besonderheiten des Computerprogramms ist, dass es nur Daten von "Unbeteiligten" aufnimmt. Angaben des Opfers oder seines Anwalts werden als "voreingenommen und unglaubwuerdig" grundsaetzlich nicht verwertet. Nehmen wir jetzt diesen Fall an:
Joe wird in die Notaufnahme eingeliefert. Nach dem Roentgen wird festgestellt, dass er keine Frakturen hat. Der Arzt oder die nurse dokumentieren: einige Hautabschuerfungen, eine Kopfplatzwunde, geklammert, Patient ansonsten wohlauf."
Joe dagegen schreibt spaeter in seinem Unfallformular: zwei blutende Wunden am linken Bein, zwei sehr schmerzhafte Abschuerfungen am Ruecken, schwere Kopfschmerzen, die noch 8 Stunden nach dem Unfall anhielten, Kopfplatzwunde die geklammert wurde.
Die Versicherung (Colossus) wird Joe's Bericht voellig unbeachtet lassen. Mit der Formulierung "einige" Hautabschuerfungen kann der Computer nichts anfangen, er macht das automatisch zu "einer geringen" Hautabschuerfung. Da der Krankenhausbericht keine Schmerzen protokolliert, hat Joe auch keine gehabt. Basta.
Joe bekommt von der Versicherung $ 2,000 angeboten.
Haette der Krankenhausbericht dagegen genau so ausgesehen wie Joe's Bericht, haette Colossus $ 6,000 angeboten. Jede der aufgefuehrten Schuerfwunden waere als ein Faktor gezaehlt worden, dazu die langen Kopfschmerzen.
Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass Pflegepersonal und Aerzte sich bemuehen, moegichst ausfuehrlich die Verletzungen und die Schmerzzustaende des Patienten minutioes zu dokumentieren. Denn nur der Krankenhausbericht zaehlt.
Das Pflegepersonal erleichtert sich dadurch auch selbst die Arbeit, denn in meinem geschilderten Fall wuerde ich als Joe's Anwalt nun Klage erheben und das Pflegepersonal und den Arzt als Zeugen vor Gericht vorladen, um mehr als die angebotenen $ 2,000 herauszuholen. Das kann bedeuten, dass das betroffene Pflegepersonal zwei oder mehr Tage vor Gericht verbringen muss.
Mehr dazu hier in dem Bericht von Christine Cobb: Compensation by Computer
http://www.atla.org/publications/trial/0504/contents.aspx